HARALD FUCHS
   
Atomare Kratzer auf der Stirn der Madonna | 2002

Dortmund, Museum DASA, DASA-Galerie

Die Diffusions-Nebelkammer: ist ein physikalisches Gerät, das in jeder Sekunde die natürlich vorhandene kosmische und terrestrische Strahlung sichtbar macht. Das Wunder der blutenden Madonna: Anlässlich einer Reliquienverehrung wird die Messe von Re im italienischen Tessin täglich mehrfach gelesen.

AUSZÜGE AUS EINEM GESPRÄCH VON DR. UTE RIESE UND HARALD FUCHS

U.R. In der DASA-Galerie in Dortmund zeigten Sie die Arbeit "Atomare Kratzer auf der Stirn der Madonna", eine Rauminstallation, in der durch ein spezielles technisches Gerät unter anderem kosmische, radioaktive Strah­lung unserer Atmosphäre sichtbar gemacht wird. Gleichzeitig gibt es in dieser Rauminstallation die Projektion eines Films über eine Messe, die anlässlich einer Reliquienverehrung gelesen wird. In diesem Film ist der Priester zu sehen, der die Messe liest und hinter ihm das mittelalterliche Bildnis einer Madonna - auf Kacheln gemalt. Durch die Kachel, auf der sich die Stirn der Madonna befindet, läuft ein Sprung, aus dem - der kirchlichen Überlieferung nach - zuweilen Blut strömt. In dieser, wie auch in vielen ihrer anderen Arbeiten verschränken Sie einen modernen wissenschaftlichen Vorgang und ein rituelles Glaubensbild. Diese Verschränkung von unterschiedlichen Zugängen menschlicher Erfahrung
kann man als einen Grundzug Ihrer künstlerischen Konzeption bezeichnen?

H.F. In dieser Arbeit, die aus fünf Beamerprojektionen und einer Original-Nebelkammer besteht, benutze ich die formale Analogie einer sichtbar gemachten Atomspur und einem ähnlich gekäuselten Kratzer auf der zerstörten Keramikkachel. Diese zwei Darstellungen, die im ersten Moment in ihrer direkten Kombination absurd erscheinen, sind zwei gezielt ausgewählte und durchaus gängige Modelle einer Welter­klärung. Sowohl die Physik, als auch die verschiedenen Religionen bedienen sich einer starken Bebilderung, benutzen Symbole und Formeln, um den Zustand der Welt zu beschreiben. Die Naturwissenschaften und die Glaubensrichtungen, aber auch die Kunst ringen darum, die Grenzen des für die Menschen Verstehbaren auszuweiten. Diese Disziplinen finden dabei den Zugang zu neuen Inspirationsebenen jenseits des Begreifbaren und der Begrifflichkeiten. Durch mein künstlerisch-inszeniertes und auch kommentarloses Aufeinandertreffen dieser beiden Erkenntnismodelle (Atomphysik/Heilige Messe), die ich bei meiner Installation jeweils mit bewegten Bildern im Raum präsentiere, agieren diese als eine Art "Impulsgeber" mit unterschiedlichen Frequenzen. Aus der Überlagerung dieser zwei Frequenzen entsteht eine Interferenz, eine neue fühlbare Erkenntnisebene mit einer bisher unbekannten Struktur und im Besitz einer neuen Wahrheit. Ich will essenzielle Formen jenseits des Gegenständlichen erfahrbar machen und aus den zwei bereits bekannten Realitäten eine dritte Realität entstehen lassen, auch wenn diese nur zeitlich begrenzt ist. Es ist ein Prinzip meiner künstlerischen Arbeit geworden, bekannte, d.h. anerkannte Bilder und Formeln aus den Bereichen Naturwissenschaft, Religion und Kunst miteinander zu konfrontieren und zu überlagern, um somit ein "visuelles Geflecht" herzustellen, aus dem sich neue sinnliche und intellektuelle Reize und Erkenntnisse schöpfen lassen.

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