HARALD FUCHS
   
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Renate Heidt-Heller

"Unter der Haut"
Fuchs untersucht verschiedene Bereiche des Wissens: Religion, magische Riten und moderne Naturwissenschaften - nicht, um sie gegeneinander auszuspielen, sondern um sie als gleich wertige und gleich fragwürdige Modelle der Welterklärung sichtbar zu machen. Dazu spürt er ihre formalen Analogien auf, die sich in seinen Kunstwerken so überlagern, dass die Bilder und Zeichen füreinander durchlässig werden. Der Titel seiner Installation Die Gesänge der gierigen Krˆten verbindet ein urzeitliches Tier sowohl mit der natürlichen Gier allen Lebens, sich selbst zu erhalten, als auch mit der alten Kultur des Gesangs, legt damit eine ursprüngliche Symbiose von Natur und Kultur nahe. Krˆten laichen im Wasser, das als Grundelement des Lebens eine wichtige Rolle in der Installation spielt. In zwei Wasserbecken auf Tischen sind Laborgeräte, künstliche Produkte und natürliche Materialien zu verschlungenen Stillleben arrangiert, die wie in Unordnung geratene Versuchsanordnungen aussehen. Alle Teile haben einen Bezug zur Natur, die entweder apparativ erzeugt werden sollte, die für die wissenschaftliche Untersuchung benutzt wurde wie die toten Laborfliegen, oder die wie die Tiertrophäen auf eine vorwissenschaftliche Form verweist, sich der Natur zu bemächtigen. Während in den Stillleben ein bereits eingestelltes menschliches Handeln bezeugt wird, das scheinbar totes Material hinterlässt, demonstrieren die Lichtprojektionen, dass das Leben weitergeht. Von beiden Tischen aus werden bewegte Bilder aus dem inneren der Wasserbecken auf beide Seiten einer frei im Raum hängenden transparenten Folie projiziert. Die Bewegung entsteht zum einen durch digitale Animation, zum anderen entspricht sie einer realen Blasenbildung im Wasser, die allerdings so gering ist, dass der Betrachter sie in der Vitrine kaum wahrnimmt. In den Projektionen dagegen, die überschaubare Ausschnitte vergrˆ?ern, wird "das Minimale zum Erlebnis" (Fuchs). Sie wecken Vorstellungen an organisches Leben. Man glaubt, die Entstehung einfacher Lebenskeime zu sehen, eine Zellteilung zu beobachten, denkt vielleicht an den Laich der Krˆten. Mit Licht, dem Grundelement des Sehens, werden visionäre Bilder erzeugt, die sich nicht fassen lassen. Stellt der Betrachter sich frontal vor das Bild, schiebt er sich in den Lichtkegel. Nimmt er einen seitlichen Standort ein, werden Teile des Bildes durch die geriffelte Oberfläche der Folie verschluckt. Geht er auf die andere Seite der Folie, wird er mit einer neuartigen Durchdringung von Bildelementen konfrontiert. Sein Sehen-Wollen wird zu einer interaktiven Handlung, die die Wahrnehmung komplex, aber auch unkontrollierbar macht. So erfährt er seinen Erkenntnisdrang analog zur Forschung des Wissenschaftlers, der seine Untersuchungen ergebnislos abgebrochen, sein Labor verlassen hat und die dort ablaufenden Prozesse nicht mehr kontrolliert. So wenig der Betrachter souverän über das Bild verfügen kann, das ein (magisches?) Eigenleben behauptet, so wenig kann der Wissenschaftler die Natur beherrschen. Er hat zwar ihre Energien genutzt, Prozesse in Gang gesetzt, konnte sie aber nicht nach Belieben stoppen: Sie wirkt eigenmächtig fort. Auch die Bilder, die wie eine Hymne an die unbesiegbare Natur erscheinen, kˆnnen deren Gier nach Leben nicht bannen: Sie fügt sich keinem Modell.