HARALD FUCHS
   
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Helga Meister

„Das Paradoxe von Schrödingers Katze“
Das Museum Schloss Moyland präsentiert die erste multimediale Installation. Sie stammt von dem Kölner Harald Fuchs, der in Düsseldorf lehrt. Der Medienkünstler sieht Wissenschaft und Kunst als zwei Seiten der Medaille. Kubismus und Relativitätstheorie, also Picasso und Kandinsky sowie Einstein und Schrödinger, gehören für ihn zusammen, denn die Wahrheit ist Ansichtssache.

Unter dem Titel „Das Paradoxe von Schrödingers Katze“ erweitert Fuchs geschickt den Kunst- und Wissenschaftsbegriff von Joseph Beuys. Der Physiker und Nobelpreisträger Ernst Schrödinger (1887 bis 1962) hatte ein scheinbar absurdes Bild vor Augen, das fuchs aufgreift und verflüchtigen lässt: Um den Überlagerungszustand des Atoms zu verdeutlichen, dessen Explosion man nicht genau vorausberechnen kann oder damals konnte, sperrte er in Gedanken eine Katze in eine geschlossene Kiste zu einem instabilen Atomkern, der irgendwann zerfällt und einen Todesmechanismus in Gang setzt. Atom und Katze befinden sich also in einem Zustand, wo Tod und Leben zusammenfallen.

Man muss die naturwissenschaftlichen Forschungen als Kunstgänger nicht unbedingt verstehen, die Ausstellung des Harald Fuchs ist einprägsam genug. Sie gilt weniger der Theorie als der praktischen Wahrnehmung. Wer in den großen fast dunklen Raum tritt, betrachtet im schummrigen Licht einiger Beamer als erstes sich selbst, denn gegenüber der Tür befinden sich vier Spiegelflächen, die im rechten Winkel zueinander stehen. Fuchs baut Kabinette aus Glas und Spiegelflächen, um sie mit bewegten Bilder und Licht zu beschicken. Der Betrachter sieht die Konstruktion und fällt doch auf das verwirrende Spiel der Reflexionen herein. Er entdeckt etwa Leute neben sich, die in einem anderen Raum sind, oder schaut sich selbst beim Betrachten zu. Fuchs scheint von der These auszugehen, dass alles was der Mensch betrachtet, die Welt verändert. Aber er dreht den Spieß auch um und behauptet, je nach seinem Standort sieht der Mensch etwas anderes, weil seine Anschauung nie absolut ist, sondern von Raum und Zeit abhängt. Das menschliche Auge entdeckt Dinge und Räume, die optisch da sind, aber tatsächlich nicht da sind, eben weil sie nur über Spiegel funktionieren.

Fuchs liefert keine Wissenschaftsschau, er geht ganz locker an die Sache heran. So spielt er mit der Echtzeit aber verlangsamt sie. Billardkugeln ziehen sich zusammen und springen auseinander. Absurde Dinge laufen ab, denn fiktive und reale Zeit wechselt einander ab. Dann wieder sind es Filmchen als Endlosschleife, die den Betrachter ergötzen. Sie haben eher mit unserer Küche als mit hoher Wissenschaft zu tun. Hightech spielt keine Rolle. Fuchs geleitet den Besucher zu Reflexionsflächen, die neue Räume öffnen, die sich ins Unendliche staffeln, unendlich schöne Bilder erzeugen, aber nicht betreten werden können, weil sie gar nicht da sind. Der Blick prallt am Spiegel ab. Der Betrachter fragt sich zwischen Videoprojektionen, in welcher Realität er sich befindet.

Nun will der Medienkünstler auch erfreuen und amüsieren. Dazu projiziert er bewegte Bilder von banalen Gegenständen, die durch die Art der Wiedergabe irritieren. Er filmt Wassertropfen, die in stehendes Wasser fallen und exzentrische Kreise bilden oder auf einer heißen Herdplatte zerplatzen und sich gegenseitig wie Energieströme anstoßen. Er lässt Billardkugeln über Wasser eiern, so dass sie sich magnetisch anziehen und wie zufällig abstoßen, vor und zurück rollen oder sich mit wechselnder Geschwindigkeit frei bewegen. Der virtuelle Energieschub wird von einem klackenden Geräusch begleitet, als handele es sich um reale Dinge im Raum. Bild und Klang können gegeneinander versetzt verlaufen, zueinander finden und einander überlagern. Oder es blickt uns das dritte Auge einer Fliege entgegen, wie es unter dem Mikroskop gesichtet wird. Es fügt sich mit dem Wassertropfen zu einem neuartigen Auge, geht es doch in der Installation um Sehen und Wahrnehmen.

Fuchs gibt keine Illustration von Schrödingers Katze, Tierschützer können beruhigt sein. Er baut im nächsten Raum drei Glaskästen mit Spionglas auf, das teils verspiegelt ist und nur die Hülle bietet, teilweise aber auch das Inneren frei gibt. Der Raum kann Spiegel der Innenwelt sein und in einen fiktiven Kosmos führen. Das wiederum hängt vom Standort des Menschen ab. Da ein bisschen Spuk bei Fuchs im Spiel ist, jagt er blaues UV-Licht durch die Glaskästen, lässt 16 Glasstürzen auftauchen und über verspiegelte Kugeln ein Lichtballett durch den Raum jagen.

Das Spiel mit dem Sichtbaren und Unsichtbaren kann böse enden. Im letzten Raum zitiert er Otto Hahn, dem auf seinem kleinen Holztisch 1938 mit Fritz Strassmann der Nachweis für die Spaltung des Uranatomkerns gelang. Als Hahn 1945 über den BBC vom Abwurf der ersten Atombombe erfuhr, machte er sich für die Katastrophe verantwortlich. Das Tischlein in der Ausstellung gibt jedoch kaum Aufschlüsse über das, was Hahns Formeln ausgelöst haben. Wieder bleibt das Eigentliche unsichtbar.